Kapitel 1: Das Buch von vorne und von hinten lesen

Am Berg lugt sogar die Sonne durch die Wolken. Die Temperatur liegt deutlich über Null Grad. An diesem Freitag, den 13 März 2020, herrscht günstiges Schiwetter. Die Herren im gehobenen Alter, die gegen Mittag die Pisten bei Ischgl hinunter wedeln, genießen ihren letzten Urlaubstag. Unter ihnen ist der pensionierte österreichische Journalist H.S.. Er ist 72 Jahre alt und pumperlgesund, wie man so sagt.
Eigentlich wollte er die paar Tage gar nicht im Paznauntal in Tirol verbringen. Doch jemand aus seinem Freundeskreis musste den Schiausflug kurzfristig absagen. Und so sprang er gerne ein, denn er liebt Schifahren und Bewegung tut ihm gut. Da er in Pension ist, hat er auch ausreichend Zeit.
Anscheinend geht auch an diesem Freitag in Ischgl alles seinen normalen Gang. Bevor er sich zur Mitfahrt entschließt, checkt H.S. öffentlich zugängliche Quellen nach Infos zur Coranalage in Tirol. Möglicherweise hat er dabei zwei Meldungen auf der offiziellen Homepage Tirols entdeckt und gelesen. Die eine, sie ist vom 5. März 2020, lautet:


Isländische Gäste im Tiroler Oberland dürften sich bei Rückflug im Flugzeug mit Coronavirus angesteckt haben.

Die andere Meldung ist von Sonntag, 8. März 2020. Sie erwähnt einem an COVID-19 erkrankten Mitarbeiter der Après-Ski-Bar Kitzloch. Dazu heißt es:


Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich“, informiert Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion Tirol. (…)

Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung.

Bars wie das Kitzloch besucht H.S. eh nicht. Dafür fühlt er sich nämlich schon ein wenig zu alt. Außerdem gebe es keinen Grund zur Beunruhigung, erklärt das Land Tirol noch Anfang dieser Woche. Die Homepage www.ischgl.com enthält auch keine Hinweise auf Corona im Ort. Also sagt er zu. Wie alle anderen aus der Gruppe reist er mit der Bahn über den Bahnhof der Bezirkshauptstadt Landeck an.
So wie in den vergangenen Tagen ziehen auch an diesem Freitag die Lifte und Gondeln der Silvretta Seilbahn AG die Urlaubsgäste die Berge hinauf. Hotels und Restaurants im Ort haben geöffnet. Lediglich die Après-Ski-Bars sind geschlossen. Dort sei es wegen Corona zu gefährlich. Die Wintersaison in Ischgl wird dieses Wochenende enden. Daher haben sich die Herren entschlossen, am Freitag noch ein letztes Mal die Abfahrten zu genießen. Am Samstag fahren sie dann gemütlich heim, glauben sie.
Gegen 14 Uhr läutet sein Handy. Als er abnimmt, hört er seine Frau aufgeregt sagen, dass er sofort aus Ischgl verschwinden müsse. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz habe gerade erklärt, das Paznauntal und besonders Ischgl stünden «ab sofort» unter Quarantäne. Grund: Das Corona-Virus gehe dort massiv um. Derzeit könnten Österreicherinnen und Österreicher noch ausreisen. Ansonsten würden sie im Ort isoliert. Er müsse sich beeilen.
Die Gruppe um H.S. ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Ischgl gereist. Wie sollen sie nun aus dem Tal hinaus kommen? Alle Taxis sind natürlich schon besetzt und unterwegs. In seinem Garni-Hotel im Ort wird berichtet, dass gegen 16 Uhr ein öffentlicher Bus nach Landeck fahre. Den müssten die Herren erwischen. Ansonsten kämen sie in Ischgl vielleicht für zwei Wochen unter Quarantäne.
Eilig packen sie ihre Sachen zusammen und machen sich auf den Weg. Die Linie 260 fährt bis Landeck Bahnhof, wo sie in den ÖBB-Railjet nach Wien umsteigen können. An der der Ischgler Haltestelle angekommen, sehen sie, dass viele Menschen auf diesen Bus setzen, der die einzige Ausfallstraße aus Ischgl hinaus fährt. Es wird eng werden.
Zusammengepfercht stehen die Fahrgäste schließlich im Bus, der sich stundenlang und nur im Schritttempo durch das Paznauntal quält. Stau. Drei Mal werden sie dabei von der Polizei kontrolliert. Sie haben ihre Ausweise dabei und die Gästekarte aus Ischgl. Das genügt, damit sie durchgelassen werden. Wohlbehalten kommt H.S. schließlich heim, in die Nähe von Gänserndorf in Niederösterreich.
Wenige Tage später fühlt er sich nicht gut. Am 17. März bekommt er Fieber, meldet sich bei den niederösterreichischen Behörden und erhält am 22. März gegen Abend sein Corona-Testergebnis: Er ist positiv.
Sein Zustand verschlechtert sich dramatisch. Zuerst kommt er ins örtliche Krankenhaus, landet dort auf der Intensivstation und muss schließlich in die Landesklinik nach St. Pölten verlegt werden. Am 10. April, dem Karfreitag, stirbt er.
Im Nachhinein ist es einfacher, die Dinge angemessen einzuschätzen und richtig zu reagieren. Die Fragen im Fall H.S. liegen auf der Hand: Warum hat es keine akkuraten Informationen über die wirkliche Situation im Ort gegeben? Wie kam diese chaotische Abreise zustande, die mutmaßlich die Ursache für seine Erkrankung war? Was ging in Ischgl vor, während die Herrenrunde dort urlaubte?
Wir kennen solche Gedanken, wenn uns nach einem heftigen Streit das Gesagte leid tut. Entschuldigen kann man sich dann. Ungeschehen machen, das geht allerdings nicht. Auf die offiziellen Meldungen, dass es in Ischgl kein Corona gebe, haben sich Urlaubsgäste verlassen. Nicht nur der Journalist H.S.. Das Chaos bei der Abreise, als das Virus dann massiv im Ort umging, ist nur ein Glied in einer Serie gravierender Fehler und Fehleinschätzungen der Behörden, deren Hintergründe aufgeklärt gehören. Sie beginnt mit den irreführenden Informationen über die Corona-Lage im Ort und endet mit dem unklaren Verbleib der Gästeausreiseblätter, mit denen die Gesundheitsbehörden in den Ländern der Heimreisenden hätten informiert werden sollen.
Auf Besserwisserei im Nachhinein spielt der Tiroler Landeshauptmann (= Ministerpräsident eines Bundeslands) Günther Platter (Österreichische Volkspartei ÖVP) an, wenn er meint, dass es im Fall Ischgl einfach sei, das Buch von hinten zu lesen.
So gibt er der Tageszeitung Kurier bereits am 16. März 2020 ein Interview, in dem er diese Ansage begründet:


Ein Buch von hinten zu lesen, ist immer einfacher. Man muss bedenken, dass es eine solche Situation noch nie gegeben hat. Wir haben alles getan, als bekannt wurde, dass wir einen Infizierten in Ischgl haben. Das Lokal wurde geschlossen.


Berühmt ist die titelgebende Formulierung des Tiroler Gesundheitslandesrates Bernhard Tilg (ebenfalls ÖVP) in einem Interview im Rahmen der Nachrichtensendung des ORF-Fernsehens, der Zeit im Bild 2, just einen Tag zuvor. Immer wieder wiederholt Tilg:


Die Behörden haben alles richtig gemacht!

Aber es gibt einen Unterschied zwischen unserem alltäglichen Besserwissen bei Fehlern im Nachhinein und den Ereignissen rund um die COVID-19 Infektionen in Ischgl. Abgesehen von dem fraglichen Wahrheitsgehalt des Satzes Wir haben alles getan, als bekannt wurde…, markiert diese frühe Aussage des Tiroler Spitzenpolitikers Platter eine durchgängige Verteidigungslinie der Tiroler Behörden und der dortigen Tourismuswirtschaft auf Kritik. Sie gestehen Fehler nicht ein, sondern sie verbergen diese, solange es irgendwie geht. Antworten auf kritische Nachfragen müssen über Umwege recherchiert werden, bis die Behörden schließlich auch ihnen unbequeme Tatsachen bestätigen. Durch diese Salami-Taktik wird das Problem in kleine Stückchen gehackt und erscheint in Summe wesentlich kleiner, als es in Wirklichkeit ist.
So tricksen die Verantwortlichen bei der Aufklärung des Falls Ischgl. Statt Transparenz und Klarheit zu schaffen, stiften sie Verwirrung.
Richtig an der Aussage Platters ist zweifelsohne, dass die COVID-19 Pandemie bis heute weltweit eine zuvor nicht bekannte Herausforderung darstellt. Doch kann diese Feststellung nicht als Erklärung für jegliches Fehlverhalten der Verantwortlichen herhalten.
Die schiere Zahl an Ischgl-Geschädigten ̶ der österreichische Verbraucherschutzverein (VSV) spricht aktuell von mehr als 5000 Personen weltweit und von 32 Toten durch Ischgler Corona-Infektionen ̶ macht es dringend nötig, dass die Ereignisse, Abläufe und Handlungen bzw. Nicht-Handlungen im Februar und März 2020 aufgeklärt werden.6 Sowohl die Opfer, die teils noch an Folgeschäden leiden und erst recht die Angehörigen von Verstorbenen haben ein Recht zu erfahren, warum und wie das alles passiert ist. Eine solche Aufklärung sollte von unabhängiger Seite aus geschehen: Wer wusste was und wann? Wer war verantwortlich und was waren die Hintergründe für das Handeln ̶ oder Nicht-Handeln ̶ der Verantwortlichen?
Wir müssen das Ischgl Buch also von hinten lesen. So funktioniert Aufklärung nun mal. Wir können es aber auch von vorne lesen. Dann führen wir uns vor Augen, wie sich das Geschehen für die Akteure in ihrer damaligen Situation dargestellt hat. Diese Perspektive ist für eine gute Aufklärung ebenso relevant.
In dem vorliegende Buch lese ich die Dokumente und Aussagen zu den Vorkommnissen in Ischgl in beide Richtungen, von hinten und von vorne. Dabei greife ich meine kontinuierliche Berichterstattung im Semiosisblog auf und beziehe mich auf Recherchen vor Ort, direkt in Tirol.
Zusätzlich konnte ich behördliche Dokumente, E-Mails, Interviews, Antworten auf parlamentarische Anfragen, Berichte von Augenzeug*innen, Zeitungsberichte und Ermittlungsakten der Polizei und der Staatsanwaltschaft recherchieren und auswerten. Schließlich sind auch die Erkenntnisse aus dem Bericht der Expertenkommission eingearbeitet, die im Auftrag der Tiroler Landesregierung den Fall Ischgl untersucht hat. Diese Quellen fördern nicht nur gravierende Fehleinschätzungen zutage. Sie machen auch sichtbar, wie die Behörden seit März 2020 versucht haben, ihnen unangenehme Tatsachen zu vertuschen.
Da ich aber weder Ankläger noch Richter bin, gilt in jedem Fall und bezogen auf jede Person, die hier genannt wird, die Unschuldsvermutung.